Schlaflos – Die Leiden eines jungen Mannes

Schlaflos. Schlaflos. Zum 6. Mal diese Woche. Das hieß: Heute war Samstag.

Wieder saß er alleine zu Hause. Keine Arbeit, keine Freunde. Das einzige, was er hatte, waren die billigen Pornos und viele Taschentücher. Er ging kaum aus dem Haus, hatte in der Wohnung selbst auch nichts zu tun. Unterschichtenfernsehen. Ja, das war sein Zeitvertreib. Und die Pornos. Von denen träumte er auch nachts. Er selber würde nie eine abbekommen, aber so eine aus den Pornos…

Oh, falscher Anfang.

Es war Samstag. Ein kühler Wintertag war vorbei. Der erste Schnee war gefallen und eine dünne Schneedecke lag über der Landschaft. Über den Bäumen, über den Häusern, auf den Autos. Er konnte wieder einmal nicht schlafen, wie so häufig diese Woche. Und erneut trieb es ihn hinaus auf den Balkon. Eine dicke Hose und den Mantel hatte er angezogen, bei unter 0° Celsius war dies auch ratsam. Er sah zum Horizont, dort wo ein schwaches Licht schien. Die Stadt. Tagsüber ein Menschenmeer, abends ein Lichtermeer, nachts war dort gar nichts mehr. Trotzdem schien es ihn dort hin zu ziehen. Der Grund? Er wusste es nicht. Eigentlich war er hier doch glücklich. Ein kleines Dorf, nicht weit von der Ostsee, idyllisch und ruhig. Aber Schwerin? Warum diese Anziehungskraft? Er wusste es nicht. War es überhaupt Schwerin oder war es einfach nur die ferne Welt? Er ist hier nie weggekommen.

23 Jahre war er nun alt. Fertig mit dem Studium in Wirtschaftsrecht. Studiert in Wismar, damals nach dem Abi vor 4 Jahren angefangen und in 8 Semestern studiert. Er blieb in Renzow wohnen. Das Haus hatte er von seinen Eltern geerbt, die vor fast 5 Jahren gestorben sind. Sie hinterließen nicht nur das Haus und den nagelneuen Opel. Er hatte auch genug Geld, so dass er das Abitur beenden und auch sein Studium bezahlen konnte. Das Haus war wie für ihn geschaffen. Im Nebentrakt hatte er sich seine kleine Firma aufgebaut. Momentan nutzte er nur den Flur, den Warteraum und sein Büro. Aber die Geschäfte gingen gut. Viele hier im Landkreis kannten ihn. Wussten um seinen Verstand, seine Intelligenz und seine schnelle Auffassungsgabe. Sehr viele kleinere Firmen ließen sich mittlerweile von ihm beraten. Es gab zwar nicht so viel Geld, wie es bei den großen Firmen gegeben hätte, aber er mochte es lieber familiär. Die kleineren Firmen waren überschaubarer, einfacher zu beraten. Und viel Konkurrenz hatte er hier nicht. Es ging ihm gut. Sehr gut sogar. Nur diese Schlaflosigkeit….

Er blieb noch eine Weile auf dem Balkon, blickte nach Süden. Warum Schwerin? Wismar im Norden liegt an der Ostsee, da ist es näher zur weiten Welt. Warum Schwerin?

Morgen war der 5. Todestag seiner Eltern. Beide Beamte im Dienste des Ministeriums. Sie haben gut verdient und konnten sich ein schönes Leben leisten. 3 Urlaube im Jahr und 2003 ging es dann im November weit weg. Sie wollten dem Winter entfliehen und buchten ein kleines Ferienhaus auf Kreta. Zum ersten Mal raus aus Deutschland. Deutschland kannten sie schon. Jede Ecke haben sie gesehen und wollten auch die nächsten Sommerurlaube im Heimatland verbringen. Aber diesmal sollte es für 1 Woche nach Kreta gehen. Der Flug war perfekt und die Ferienanlage wunderschön. Am ersten Abend wurde gefeiert, viele Gäste waren nicht mehr dort. Aber mit Mitte 40 konnte man noch bis 4 Uhr morgens durchmachen. Am nächsten Morgen standen sie trotzdem um 9 Uhr auf und es ging zum Frühstück. Den zweiten Urlaubstag nutzten sie, um die kleine Stadt zu erkunden. Sie machten viele Fotos und genossen den Tag. Am Nachmittag ging es zurück zum Ferienhaus und dort genossen sie die Aussicht. Am heutigen Abend wurde nicht gefeiert, aber die beiden saßen noch eine Weile auf der Terrasse bei einer Flasche Wein und waren glücklich.

So wurde es zumindest erzählt. Um 22 Uhr wurden sie gesehen, als sie ins Haus gingen. Die Lichter gingen circa 30 Minuten später aus und in der Ferienanlage war es komplett ruhig. Die Hoteliers wunderten sich, als sie um 11 Uhr noch nicht zum Frühstück erschienen sind. Um 12 Uhr ging der Portier zum Haus. Klopfte und klingelte, aber es kam keine Reaktion. Er holte die Schlüssel und zu dritt schauten sie nach ihren Gästen. Im Schlafzimmer, im Bett fanden sie die beiden. Friedlich schlafend, für immer. Sie waren eingeschlafen und wachten nicht mehr auf. Beide Herzen blieben stehen, keine Fremdeinwirkung, keine Krankheiten. Einfach eingeschlafen.

Ihn traf die Nachricht wie ein Schlag. 18 Jahre alt und auf sich allein gestellt. Die Großeltern? Nie kennengelernt. Geschwister? Sowohl er, als auch seine Eltern waren Einzelkinder. Aber damals zeigte sich schon, wie reif er war. Er brauchte nur eine kurze Betreuung und dann ging das Leben weiter. Das Abitur schloss er mit 1,2 ab und ging dann nach Schwerin zum Studieren. Er war beliebt, da er intelligent, aber nicht arrogant war. Er war auf den Partys und Veranstaltungen dabei, aber trank nie zu viel. Er ging nicht als erstes, aber auch nicht als letztes. Eine feste Freundin hatte er seitdem keine mehr, keine Liebschaft. Einfach nur gute Freunde. In Renzow und Umgebung kannte jeder seine Geschichte. Zuerst waren sich alle unsicher, aber mit der Zeit konnten alle damit umgehen. Unterstützung bekam er, wenn er fragte. Die Nachbarin kümmerte sich um das Haus, reinigte es, passte auf den Garten auf und der Nachbar von Gegenüber half bei den bürokratischen Dingen. So war die Dorfgemeinschaft. Bei unter 500 Einwohnern kennt jeder jeden und als er dieses Jahr sein Studium beendete und seine Firma gründete, war jedem klar, dass er Erfolg haben wird. 5 Monate ist der Abschluss her und die Firma blühte auf. Erik Königstein Wirtschaftsrechtgesellschaft mbH. Beruflich ging es ihm gut, aber was war privat? In der Dorfgemeinschaft war klar, dass ein junger Mann wie er doch seine Prinzessin verdient hätte. Aber es gab sie nicht. Er war auf den Dorffesten, beim Schützenfest, aber immer alleine. Nicht das er nicht mit Frauen umgehen konnte. Beim Tanzen forderte er verschiedene auf mit ihm zu tanzen. Aber die richtige? Die richtige war nicht dabei. Und was in ihm vorging konnte niemand wissen. Niemand wusste von den schlaflosen Nächten auf dem Balkon. Von den Blicken in die Ferne. Er hat immer in diesem Dorf, in diesem Haus gelebt, aber war das auch seine Zukunft? Er blieb noch eine Weile auf dem Balkon, ging zum Kühlschrank und nahm noch einen Schluck aus der Wasserflasche. Ein kurzer Blick auf die Uhr: 3 Uhr. Er legte sich wieder ins Bett und konnte sogar einschlafen.

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