Liebe

Marion. War er froh, dass er sie hatte. Marion…

Ohne sie hätte er es nie geschafft. Sie war seine Stütze, seine Hilfe, seine Lebenskraft. Seit 4 Jahren kannten sie sich und seit 3 Jahren waren sie zusammen. Es gab kleinere Streits und Hänger in der Beziehung, aber das ist normal. Seit dem Sommer im letzten Jahr ist die Beziehung noch enger geworden und Ralf ist glücklich darüber. Ohne Marion wäre er nicht mehr hier.

Er erinnert sich noch an den Tag, als wäre es gestern gewesen. Er war mit dem Fahrrad unterwegs, um zu trainieren. Der Triathlon stand vor der Tür und er war eigentlich fit. Das letzte Training, am Sonntag war der Wettkampf. Das Wetter war schön, die Sonne strahlte, ein herrlicher Sommertag. Ihm machte das Fahrradfahren viel Spaß und so fuhr er glücklich über die Landstraßen. Er war schon häufiger hier, kannte die Gegend gut. Kannte die Steigungen, die Kurven, ja teilweise die Spaziergänger und die Menschen, die in den Gärten arbeiteten. Er fuhr durch die Dörfer, am See vorbei und er war gut in Form.

Aber auf einmal passierte es. Ein Feldweg, unscheinbar, versteckt, selten genutzt. Er hatte nie auf ihn geachtet und war überrascht, als auf einmal ein Reh auf die Straße sprang. Er konnte nichts machen, die Reaktionszeit war zu lang und die Strecke zu kurz. Das Reh stand auf der Straße und er versuchte noch einen Schlenker zu machen, aber es half nicht. Er bremste und traf dann doch das Tier. Er befreite schnell die Schuhe aus den Pedalen, flog aus dem Sattel und einige Meter durch die Luft bis er auf den Asphalt stürzte. Er rutschte kurz, spürte einen starken Schmerz im Unterleib und verlor dann das Bewusstsein. Als er wieder aufwachte, lag er in einem Bett im Krankenhaus. Marion saß bei ihm und weinte. Ihre Augen waren rot und die Schwester konnte sie nicht trösten. Ralf versuchte seine Hände zu bewegen, seinen Kopf und es funktionierte. Marion sah auf und umarmte Ralf, küsste ihn, aber die Tränen hörten nicht auf zu fließen.

„Was ist geschehen? Wo bin ich? Was ist mit mir?“ Ralf sprach die Fragen laut aus und ihm fielen selbst einige Antworten ein. „Ein Reh. Ich bin gestürzt. Was ist mit mir?“ Marion konnte nicht aufhören zu weinen und die Krankenschwester führte sie aus dem Zimmer hinaus. Der Oberarzt kam ins Zimmer und blickte Ralf ernst an. „Sie haben Glück und Pech im Unglück.“ Ralf blickte etwas unsicher und der Oberarzt erzählte es ihm. Er hätte bei dem Unfall auch sterben können. Was ihm das Leben rettete, waren der Helm und die Tatsache, dass sein Rücken viel aufgefangen haben. „Sie leben und das ist das wichtigste.“ Mit seinem Kopf war alles ok, auch die Hände, die Arme und der Oberkörper sind in Ordnung. Aber die Beine…die Beine, die ihn überall hintrugen. Die für den Sport unersetzlich waren. Er würde sie nie mehr bewegen können. „Sie sind querschnittsgelähmt.“ Sein restliches Leben würde er im Rollstuhl verbringen. Jetzt wusste er, warum Marion so weinte.

Nach einigen Tagen kam er aus dem Krankenhaus raus und von der Krankenkasse war schon ein Rollstuhl bestellt und geliefert wurden. Marion holte ihn ab und schob ihn nach Hause. Am Fluss vorbei, durch die Allee, den kleinen Weg beim Bäcker vorbei und zu ihrer Wohnung. Diese lag zwar im 3. Stock, aber ein Fahrstuhl war vorhanden. Den Fahrstuhl, den Ralf nie genutzt hatte. „Ich bin Sportler. Und Sportler nehmen die Treppe.“ pflegte er stets zu sagen. Die Zeiten waren vorbei und Ralf wusste noch nicht, ob er weitermachen konnte. Marion schob ihn in die Wohnung. Vor dem Schreibtisch hatte sie den Schreibtischstuhl schon weggeräumt und am Esstisch auch schon Platz geschaffen. Als die beiden so in der Wohnung saßen, war nicht klar, wer von beiden unglücklicher war. Marion setzte sich zu Ralf und nahm ihn in die Arme. Ralf flüsterte: „Wir schaffen das, wir beide.“ „Ich bin immer für dich da. Ich verlass dich nicht.“

Und so war es auch. Marion blieb bei ihm. Half ihm bei der Therapie, half ihm wieder ins Leben zurückzukommen. Als Techniker konnte er jetzt nicht mehr arbeiten, aber die Firma, in der er seit 7 Jahren war, war für ihn da. Er lernte während der Anfangszeit im Rollstuhl um und bekam eine Stelle im Marketing. Sein Kopf hatte beim Unfall nichts abbekommen und so konnte er ihn jetzt nutzen, um Texte zu schreiben. Für die Homepage, für die Mitarbeiterzeitung, für Events. Auch dies half ihm über die schwere Zeit hinweg. Die Kollegen waren auch für ihn da, ließen nicht zu, dass er in Depressionen verfiel.

Aber die größte Hilfe war Marion. Marion, die sich fast selbstlos opferte. Die jeden Abend bei ihm war. Ihn teilweise zur Therapie brachte oder abholte. Die sich in seinen Dienst stellte, ihn am Anfang wie ein kleines Kind umsorgte, bis er selbst zu recht kam. Für sie war es auch eine schwere Zeit, aber sie wollte ihn nicht verlassen. Sie konnte ihn nicht verlassen. Er saß zwar im Rollstuhl, aber geistig war er fit. Er war der gleiche wie vorher. Seine Intelligenz, seinen Humor hatte er behalten und das war es was sie an ihm liebte. Sex…Sex konnte er nicht mehr haben. Konnte er nie mehr haben. Aber das brauchte sie nicht. Sie hatte ihn. Liebe ist mehr als Sex. Liebe braucht keinen Sex.

Liebe ist, was im Kopf und im Herzen stattfindet.

Liebe ist, für einander dazu sein.

Ja, das ist Liebe….

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