Podiumsdiskussion: Postfaktische Zeiten

Am Wochenende habe ich im Kreisbote eine kleine Anzeige für eine Veranstaltung gesehen. Die Georg-von-Vollmar-Akademie aus Kochel lud zu einer Podiumsdiskussion am Dienstag in den Veranstaltungssaal des Schlossmuseums in Murnau. Das Thema klang interessant und nachdem ich in die ÖDP eingetreten bin, möchte ich auch sonst mehr an öffentlichen, politischen Veranstaltungen teilnehmen. Um 18:30 Uhr war Einlass und als ich um circa 18:40 Uhr dort eintraf, waren schon um die 25 Personen anwesend. An der Tür hing die Information über die Podiumsgäste:

Murnau2

Nicht dabei war Prof. Dr. Gabriele Hooffacker (Journalistenakademie München).

Um 19:05 Uhr begann die Veranstaltung schließlich. Es waren grob geschätzt 50 Personen im Saal und 4 Personen oben auf der Empore anwesend. Von der Altersstruktur gehörte ich zu den Jüngeren. Parallel fand in Kochel ein Seminar zum Thema „Lügenpresse“ statt, das auch von der Akademie veranstaltet wurde. Von dort waren einige Teilnehmer anwesend. Ich hatte mich in die dritte Reihe nach außen gesetzt. Ganz vorne saß ein Journalist vom Münchner Merkur. Er arbeitete zwar für die lokale Presse, war aber schon zweimal Vorwürfen ausgesetzt, zur „Lügenpresse“ zu gehören. Danach begann die Vorstellung der Gäste und Fragen des Moderators.

Als erstes wurde Dr. Helga Montag nach vorne gebeten. Sie wirkte auf mich etwas unsicher, zupfte und strich häufig über ihre Hose. Sie erzählte von ihren früheren Erfahrungen, dass kritische Journalisten deutlich seltener befördert wurden als ihre Kollegen. Sie meinte, dass es die lokale Presse deutlich schwerer hat als die Auslandskorrespondenten, da sie viel mehr direkte Rückmeldungen erhielten. Bei Facebook war sie der Meinung, dass der Gesetzgeber einschreiten sollte. Auch wünschte sie, dass dort keine anonymen Namen mehr erlaubt sein sollten. Für sie war Recherche das wichtigste für einen Journalisten und sie sah durch „Filter Bubbles“ in den sozialen Medien die Pressefreiheit bedroht.

Danach stellte Norbert Schreiber einige Fragen ans Publikum. Auf die Frage, wer regelmäßig Tageszeitungen liest, meldeten sich ungefähr 30 Leute. Überregionale Zeitungen lasen 5-10 und Zeitschriften wie Spiegel oder Focus niemand. Auf seine Frage, wer denn Leserbriefe an Zeitschriften geschrieben habe, meldeten sich verschiedene Leute. Eine Besucherin hat Leserbriefe an die FAZ geschrieben und ich wurde auch kurz befragt, nachdem ich mich gemeldet hatte. Ich erzählte kurz vom Blog 1168 des Spiegels, der ja seit Juli 2015 auch wieder eingeschlafen ist. Der Spiegel ist wohl seitdem nicht mehr an der Meinung und Partizipation seiner Leser interessiert. Ein Besucher hinter mir las regelmäßig den Guardian aus England. Er referierte kurz über die Medien in England, die größtenteils von Murdoch gesteuert werden.

Als zweiter war Laszlo Trankovits an der Reihe, ein ehemaliger Auslandskorrespondent der DPA, unterwegs unter anderem in den USA, im Vatikan und im Nahen Osten. Er hat mir von allen am besten gefallen. Für ihn sind Inhalte für einen Journalisten am wichtigsten, so wie es auch bei einem „Fensterruf“ sei. Er war der Meinung, dass der Qualitätsjournalismus auf dem Rückzug sei und nannte auch gleich einen Grund. Es fing mit Murdoch an, der nicht nur in England aktiv. Er hat Fox News in den 90er-Jahren gegründet, einen konservativen Fernsehsender. Dieser begann bald die Nachrichten zu emotionalisieren und konnte so seinen Marktanteil stetig vergrößert. Auf der Gegenseite zog MSNBC schließlich nach. Auch in Deutschland wurden die Nachrichten immer emotionaler und boulevardisiert. Weitere Gründe waren der Glaubwürdigkeitsverlust der Medien, da Nachrichten im Internet ohne weiteres überprüft werden können. Auch die Medien selbst machten Fehler, da die journalistischen Standards geschliffen worden und die Medien selektiv geworden waren. Das betraf vor allem Journalisten des öffentlichen Rechts.

Danach wurde Hans-Erwin Riemann nach vorne gerufen, ein ehemaliger Moderator vom Morgenmagazin. Er wirkte auf mich sehr locker, aber schon fast etwas desinteressiert. Sein Thema war die Zielgruppe eines Journalisten und die Frage „Wer ist der Zuschauer?“. Ein Zitat war bei mir hängengeblieben: „Man muss nicht alles sagen was man weiß, aber was man sagt, muss stimmen.“ Dann erzählte er noch von der Themenauswahl im Morgenmagazin. Es gab „Muss-Themen“, „Nice-to-have“-Themen und „Füllmasse“. Da die Zuschauer morgens nicht nur ernste Themen sehen wollten und das Morgenmagazin meistens nur nebenbei lief, musste es lockerer sein als die Tagesschau am Abend. Von Norbert Schreiber wurde noch die Moderatorin vom Morgenmagazin angesprochen, die von Pegida-Demonstranten beschimpft worden war. Riemann erzählte kurz die Geschichte, dass diese Journalistin unbedingt mit den Demonstranten sprechen wollte und mit Kamera in Erfurt auf eine Demo gegangen war, um Interviews zu führen.

Als letzter kam Armin Konrad nach vorne. Er hatte eine ausschweifende Art zu reden. Im ersten Moment fiel mir „Plauderer“ dazu ein. Er hat im Suhrkampf Verlag zur Jahrtausendwende ein Buch über die Wörter des 20. Jahrhunderts veröffentlicht und Schreiber nahm darauf Bezug. Konrads Thema war „Haltung“. Er erklärte, dass der Beruf als Journalist sich in einen Selbstdeutungsprozess verändert hat. Es ginge darum, die mutmaßliche Erwartungshaltung des Zuschauers oder Lesers zu ermitteln. Für ihn sollte ein Journalist aber nicht Deuten, sondern Demut vor der Wirklichkeit haben. Und Haltung ist das, was ein Journalist wahrnimmt. Auch er bezeichnete das neue Gesetz von Heiko Maas als wichtigstes Gesetz.

Danach begann die Diskussionsrunde, die Norbert Schreiber mit zwei sehr bekannten Lügen einleitete. „Niemand hat die Absicht eine Mauer zu errichten“ und den Massenvernichtungswaffen des Iraks 2003. Kernthema was das neue Gesetz von Heiko Maas.

Zuerst ergriff Trankovits das Wort und er bezeichnete sich als entschiedener Gegner dieses Gesetzes. Für ihn wird dadurch Zensur eingeführt. Ihm sei Hassrede lieber, denn es gäbe kein höheres Gut als die Freiheit.

Dem widersprach Dr. Montag. Sie war der Meinung, dass wir für die sozialen Medien Regeln bräuchte. Allgemein verrohe die Sprache.

Aber auch Konrad fragte sich, was die sozialen Medien ohne Hass wären. Für ihn sei auch die innere Spannung wichtig. Er stellte sich auch die Frage, ob das Gesetz nicht ein Dilemma werden wird.

Von Schneider kamen die Fragen, wer denn verantwortlich für die Löschungen sei und ob irgendwann Roboter dies entscheiden würden.

Dr. Montag sah auch die größte Gefahr in Konzernen wie Google und Facebook, die alles über uns wissen.

Diesmal widersprach Trankovits. Für ihn sind dies die größten Erfindungen. Man erhält Zugang zu Quellen und erreicht Transparenz und Partizipation. Natürlich haben diese auch ihre Schattenseiten, aber dies müsse man aushalten. Wir haben derzeit auch andere politische Probleme, wie Ukraine, Islam und Flüchtlinge. Für Trankovits ist das Problem nicht Hatespeech. Er sieht die Gefahr eher bei Reglementierung.

Aus dem Publikum kam die Frage an die Referenten, ob sie denken, dass Facebook gleich den „normalen“ Medien sei.

Trankovits antwortete als erster und überraschte damit, dass er sich für Facebook und gegen Zeitungen entscheiden würde. Für ihn ist Facebook ein Kanalisator, wo er von verschiedenen Medien die Informationen erhält.

Auch für Dr. Montag ist Facebook ein guter Verbreiter von Nachrichten. Ihr ist aber aufgefallen, dass Journalisten immer Absicht unterstellt wird und sie Lügen würden. Hier müssten die Journalisten ihrer Sorgfaltspflicht nachkommen und sich kritischer hinterfragen. Allerdings müssten sie auch Selbstbewusster werden.

Riemann brachte eine Umfrage der Forschungsgruppe Wahlen ein, dass 80% der Befragten die Öffentlich-Rechtlichen Anstalten für glaubwürdig hielten. Am unteren Ende waren Bild und die sozialen Medien zu finden.

Danach kamen einige Besucher aus dem Publikum zu Wort. Der erste meinte, dass das Gesetz von Heiko Maas ein Schnellschuss gewesen sei und wohl bald vom Gericht abgelehnt werden wird. So wie es mit dem Flüchtling geschehen sei, dessen Selfie mit Merkel auf Facebook immer wieder im Zusammenhang mit Terroranschlägen verbreitet worden sei. Dessen Anklage wurde vom EuGH abgelehnt. Die sozialen Medien seien nicht dafür verantwortlich. Im Bezug auf die Medien sagte er, dass diese oft Fakten weglassen. Zum Beispiel würde bei Straftätern nie die Herkunft genannt und für die Bevölkerung sei dies ein wichtiger Fakt. Auch seien die Medien mittlerweile zu Politikkonform.

Ein zweiter Besucher meinte, dass die Zensur zu weit ging. Allerdings stellte er die Frage, ob nicht in den sozialen Medien Klarnamen sein müssten.

Der dritte erzählte, dass er früher Radiomoderator unter anderem bei Antenne Bayern gewesen sei. Als Frankreich Atombombentest auf dem Murora-Atoll durchgeführt hatte, hatte er damals den Begriff „Fuck Chirac“ erfunden. In den Sendungen sei dies häufig thematisiert worden. Einige Mitarbeiter hätten Probleme gekriegt, wurden teilweise entlassen und selbst der Ministerpräsident von Bayern hätte angerufen. Die Leute sollten sich nicht so auf die Medien versteifen. Für ihn ist die Agentur Reuters die Manipulationsmaschine Nr.1. Hier können sich die Medien nur helfen, indem sie wieder selbst mehr tätig werden.

Trankovits stimmte dem teilweise zu. Er sagte, dass das Weglassen von Themen das wichtigste Instrument eines Journalisten sei. Auch das ständige Wiederholen eines eher unwichtigen Themas helfe andere Dinge zu verschleiern. Doch das Skandalisieren und Emotionalisieren schädigt die Glaubwürdigkeit des Journalismus. Das Misstrauen gegenüber den Medien wächst, da diese mittlerweile eindeutige Parteilichkeit zeigen.

Die Schlussrunde wurde mit der Frage von Norbert Schneider eingeläutet, ob die Demokratie gefährdet sei.

Armin Konrad bejahte dies, da derzeit Sichtweisen ausgegrenzt werden. Als Beispiel nannte er Erdogan. Der hatte gesagt, dass die Ausreden, die Deutschland nutze, damit türkische Minister nicht auftreten konnten, Nazi-Methoden seien. Aber das Zurückgreifen auf Brandschutzverordnungen waren schon Methoden der Nazis gewesen. Er prangerte den Reflex der Journalisten an, solche Thesen gleich abzulehnen. Dies sei Selbstherrlich.

Auch Laszlo Trankovitz führte Erdogan als Beispiel an. Er nannte aber das Referendum, dass von den Medien abgelehnt wurde. Allerdings habe er in den Medien kein Vergleich mit den USA oder Frankreich gefunden, wo der Präsident auch viel Macht ausübt. Eine Demokratie brauche informierte Bürger und die Medien müssten distanzierter und nüchterner berichten.

Hans-Erwin Riemann meinte, dass die Mediennutzung stark zurückgeht. In Zukunft wird es darauf hinauslaufen, dass man sich seine Nachrichten in Datenbanken zusammensucht, so wie es mit Filmen schon mit Netflix passiert. Denn nichts anderes als eine Datenbank sei Netflix. Die jüngere Generation müsse ausgebildet werden. Sie müsse wissen, wie man recherchiert und wie man vertrauenswürdige Quellen findet.

Auch Dr. Helga Montag fand Medienpädagogik sehr wichtig. Außerdem mahnte sie an, dass Journalisten transparenter in ihrer Arbeit werden müsse. Dies beträfe vor allem die Recherche. Die Leser müssen sehen, warum der Journalist einen Artikel so geschrieben hat.

Zum Schluss zitierte Norbert Schneider zum einen Theodor Heuss: „Demokratie ist keine Glücksversicherung“ und zum anderen Hildegard Hamm-Brücher „Demokratie kann man keiner Gesellschaft aufzwingen, sie ist auch kein Geschenk, das man ein für allemal in Besitz nehmen kann. Sie muss täglich erkämpft und verteidigt werden.“ Allerdings habe ich ein solches Zitat von ihr am Abend nicht gefunden.

Beendet wurde der Abend dann von Joachim Neiß von der Georg-von-Vollmar-Akademie. Er bedankte sich bei den Zuhörern und den Referenten. Er wies daraufhin, dass die Referenten kein Honorar bekommen hätten. Als Danke übergab er ihnen jeweils ein Buch von Holger Weinert: „Holgers Hessen“. Danach war die Veranstaltung beendet.

Im Auto sah ich dann, dass es ungefähr 20:30 Uhr war. Laut der Homepage, die ich später noch besucht habe, war als Ende aber 21:30 Uhr eingetragen. Die Stunde fehlte auch, denn man hätte sicherlich noch länger diskutieren können.

Ich habe wohl als einziger mitgeschrieben und das ist eventuell auch aufgefallen, denn zwischendurch hat sich jemand neben mich gesetzt. Als ich dann etwas ins Notizbuch geschrieben habe, hat er auch geschaut. Dank meiner „Geheimschrift“ hat er aber wahrscheinlich nichts entziffern können. Ich habe ungefähr 10 DIN-A5-Seiten mitgeschrieben. Und daher auch mit der Zusammenfassung etwas gebraucht und sie ist deshalb auch etwas länger geworden.

Ich werde ab jetzt nach weiteren Veranstaltungen die Augen offenhalten. Wenn jemand Informationen zu Veranstaltungen im Raum Murnau – Weilheim hat, kann er sich gerne bei mir melden.

Ein Gedanke zu “Podiumsdiskussion: Postfaktische Zeiten

  1. Heute habe ich die Antwort erhalten, dass das verfrühte Ende ein Versehen des Moderators gewesen war. Schade. Zu dem Thema hätte man noch gut eine Stunde länger diskutieren können.
    Aber schön, dass die Akademie mir so schnell geantwortet hat.

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