Der (geistes-)kranke Mann am Bosporus

Das Osmanische Reich wurde im 19. Jahrhundert als kranker Mann am Bosporus bezeichnet, nachdem es in den äußeren Gebieten zu Aufständen und Machtverlusten gekommen war. Ägypten, Serbien, Donaufürstentümer, Griechenland wollten alle ihre Unabhängigkeit und das Osmanische Reich war zu schwach, um diesem entgegen zu wirken. Es schien nur noch eine Frage der Zeit, wann es auseinanderbrechen würde, aber verschiedene europäische Staaten wollten es weiter erhalten, auch um den Expansionsdruck Russlands Einhalt zu gebieten.

Diese Wachkoma-Dasein erhielt im Oktober 1914 einen Rückschlag, als das Osmanische Reich an der Seite der Mittelmächte in den Ersten Weltkrieg eintrat. Zwar wurden die Soldaten der Entente bei Gallipoli zurückgeschlagen, dennoch wurden 1923 die lebenserhaltenden Maßnahmen abgeschaltet. Wenig später wurde mit der Türkei ein Republik-Baby geboren. Dieser neue Staat hatte im Laufe der Zeit mit Krankheitsschüben zu kämpfen und war durch Militärputsche immer wieder dem Tode nach. Auch nun, im hohen Alter, hat die Türkei mit gesundheitlichen Schwierigkeiten zu kämpfen und heute gab es einen weiteren Rückschlag.

Im Parlament hat eine Zweidrittelmehrheit, 373 von 550 Abgeordneten, der Aufhebung der Immunität aller Parlamentarier zugestimmt, gegen die ein Ermittlungsverfahren läuft. Ein Parlament, dass sich selbst entmachtet und dem Staatsoberhaupt kriecherisch entgegentritt, kann nicht als gesund bezeichnet werden. Von dieser Abstimmung sind 138 Politiker betroffen, davon 50 der prokurdischen HDP. Gegen diese Politiker laufen Verfahren wegen Terrorunterstützung, was in der Türkei auch viele Journalisten und Wissenschaftler betrifft.

Viele Oppositionelle haben zugestimmt, da sich diese einfach gegen Erdogan nicht einig sind. Viele sehen in ihm das geringere Übel und keiner aus der nationalistischen MHP wird den Kurden zur Seite stehen und auch bei der kemalistischen CHP ist die Angst groß, als Kurdenfreund dargestellt zu werden.

Wie heißt es noch so schön bei Martin Niemöller?

„Als die Nazis die Kommunisten holten, habe ich geschwiegen; ich war ja kein Kommunist. Als sie die Sozialdemokraten einsperrten, habe ich geschwiegen; ich war ja kein Sozialdemokrat. Als sie die Gewerkschafter holten, habe ich geschwiegen; ich war ja kein Gewerkschafter. Als sie mich holten, gab es keinen mehr, der protestieren konnte.“

So ähnlich könnte es auch in der Türkei laufen. Jetzt geht es gegen die Kurden, weil Erdogan Angst vor ihnen hat. Angst davor, dass sie in Syrien oder im Irak einen eigenen Staat gründen. Angst vor mehr Autonomie für das seit Jahrzehnten unterdrückte Volk. Und diese Angst ist größer, als die Angst vor den Daesh. Daher hat Erdogan auch die Kurden angegriffen und nicht, wie alle anderen, die Daesh. Daher nimmt er es auch in Kauf, dass der Staat, der in den letzten Jahren innenpolitisch stabiler geworden ist, wieder in einem Bürgerkrieg versinkt. Das die HDP über 10% der Stimmen bei der letzten Wahl gewonnen hat, zeigt, dass auch Nicht-Kurden diese Partei gewählt haben. Und eventuell wären die Kurden im Staat angekommen, wenn Erdogan nicht aufgrund seiner Komplexe den Bürgerkrieg geschürt hatte.

Nun werden die Kurden wieder ihre demokratische Partei verlieren und somit wieder nicht an diesem Staat teilnehmen. Sie werden sich also wieder radikalisieren und wieder werden hunderte sterben, bei Attentaten der Kurden und bei Angriffen der türkischen Armee. Aber Erdogan will halt zeigen, dass er der Stärkste ist und dafür müssen halt unschuldige sterben. Auf seinem Weg zum Präsidialsystem lässt er sich nicht aufhalten. Erst wenn er die Macht in sich vereint, wird er zufrieden sein. Auch wenn sein Land dabei im Chaos zerfällt, Hauptsache, er kann seine persönlichen Wahnvorstellungen ausleben.

Wann hat es einen autokratischen Herrscher gegeben, der sich länger gehalten hat und dabei sein Staat und sein Volk in eine goldene Zukunft geführt hat? Ich glaube noch nie. Es gab nur autokratische Herrscher, die nur kurz regiert haben, weil sie es einfach übertrieben haben und immer mehr wollten. Es gab nur autokratische Herrscher, die das Land ausgepresst haben, um sich und treuen Gefolgsleuten Geld und Macht zu sichern. Das einfache Volk musste dabei immer leiden. So wird es wohl auch mit der Türkei enden. Ein autokratischer Erdogan wird sich und seinen Vasallen Posten zuschustern, um seine Macht zu sichern. Leiden müssen wohl am meisten die Kurden. Wird es in der Türkei überall Wohlstand geben? Nein, nur für wenige. Und schließlich wird auch Erdogan stürzen. Sollte Erdogan wirklich das Präsidialsystem einführen, wird die Türkei auf Jahre hinaus nicht zur Ruhe kommen. Bis zum bitteren Ende.

Was heißt es für die EU? Diese sollte sich schleunigst von der Türkei fernhalten. Der Kompromiss bezüglich Flüchtlingen sollte gekündigt werden, auch wenn dadurch wieder viel mehr Flüchtlinge nach Europa kommen werden. Doch nur, um Flüchtlingsströme zu verhindern, sollte man diesen Mann nicht aufwerten. Die Visafreiheit sollte auch aufgekündigt werden, die 6 Mrd. Euro einbehalten werden und die EU-Mitgliedsverhandlungen endgültig auf Eis gelegt werden. Im Sinne der EU und ihrer Werte darf es keine Zusammenarbeit mit Erdogan geben. Nur eine komplette Ausgrenzung kann ihn vielleicht besänftigen, da er, wie jeder Psychopath doch auf Anerkennung und Bestätigung aus ist. Wird er ignoriert, fühlt er sich, aufgrund seiner Komplexe, klein und schwach und rudert vielleicht zurück.

So wie Erdogan momentan handelt, kann er nicht als Verhandlungspartner gesehen werden. Der Patient Türkei muss am Leben erhalten werden, möglichst Spenderorgane bekommen, um wieder auf die Beine zu kommen. Ansonsten wird es wie 1923 enden….

3 Gedanken zu “Der (geistes-)kranke Mann am Bosporus

  1. Geisteskrank ist der richtige Ausdruck. Und nun kommt der noch mit Bluttests für türkischstämmige Abgeordnete im deutschen Parlament. Geisteskränker geht gar nicht! Der würde besser selbst einen Bluttest machen. Wer weiss, vielleicht ist der ja nur ein Scherge von Putin. Erdogan tönt ja so ähnlich wie Erewan oder Jeriwan. Vielleicht kommt der ja dort her und ist nur der verlängerte Arm des ebenso geisteskranken Putin.

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  2. Guter Artikel. Ich geb dir da recht. Zumindest hat Deutschland gerade eben den Völkermord der Armenier anerkannt und sich somit auch ein wenig mehr gegen die Türkei gestellt. Ich hoffe, dass auch das mit der Visa-Freiheit bald Geschichte ist. Europa sollte sich nicht so erpressen lassen.

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    • Es schien, als würde Deutschland vor Erdogan kuschen, aber vielleicht hat er es übertrieben. Ob durch die Anerkennung des Völkermordes die Beziehungen zu Erdogan gestört werden? Das hoffe ich sehr. In letzter Zeit hat sich Erdogan zu sehr zum Negativen verändert. Doch wenn er nicht mehr geliebt oder gebraucht wird, wird er einlenken. So einer braucht einfach Bestätigung. Vielleicht fällt jetzt der letzte Vertrag komplett aus. Nichts mit Visa-Freiheit und somit vielleicht ein kleiner Stich in Erdogans Herz.

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